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Fachschaftstagung 2010

Arabische Philosophie – Annäherung an ein uns eigenes fremdes Denken

25. bis 28. November 2010

Erbacher Hof, Akademie des Bistums Mains

Leitung: Alexander Kalbarczyk, Nora Kalbarczyk, Klaus Jansen, Dr. Bernadette Schwarz-Boenneke 

 

Vom 25. bis 28. November 2010 fand unter dem Motto Arabische Philosophie – Annäherung an ein uns eigenes fremdes Denken in der Katholischen Akademie des Bistums Mainz, Erbacher Hof, die Tagung der Fachschaft Philosophie statt. Geleitet wurde sie von Nora Kalbarczyk (Berlin), Alexander Kalbarczyk (Berlin), Klaus Jansen (Münster) sowie – seitens der Altcusaner – Dr. Bernadette Schwarz-Boenneke (Mainz).

Nach einem einführenden Forschungsüberblick durch den Altcusaner Prof. Dr. Ulrich Rudolph (Zürich) am Donnerstagabend widmeten sich die folgenden Tage der Blütezeit der arabisch-islamischen Philosophietradition. Hierbei markierten die Vorträge von Dr. Rotraud Hansberger (King’s College, Cambridge) zu neuplatonischen Textbeispielen der graeco-arabischen Übersetzungsbewegung im 9. Jh. und von Prof. Dr. Peter Adamson (King’s College, London) zum oftmals als anti-islamisch gedeuteten Philosophen Abu Bakr al-Razi (gest. 925) einerseits sowie von Prof. Dr. Heidrun Eichner (Tübingen) zu Philosophie und Theologie in der Zeit nach Avicenna und von Prof. Dr. Sajjad Rizvi (Exeter) zur Erkenntnislehre Mulla Sadra Shirazis (gest. 1640) andererseits in etwa den zeitlichen Rahmen des betrachteten Untersuchungszeitraums. Die immense Zeitspanne von gut 800 Jahren Philosophiegeschichte lässt ein klein wenig von der Fülle und dem Reichtum der Fragestellungen aus allen klassischen Bereichen des philosophischen Fächerkanons erahnen, die in Referaten, Workshops, Diskussionen und einer öffentlichen Abendveranstaltung ausgiebig bearbeitet wurden. Während Dr. Tiana Koutzarova (Bonn) eine mögliche Neubewertung des ontologischen Gottesbeweises aus der Metaphysik Avicennas (gest. 1037) diskutierte, beleuchtete Prof. Dr. Ludger Honnefelder (Bonn/Berlin) die fruchtbare Rezeption des avicennischen Metaphysikverständnisses bei den Denkern des lateinischen Mittelalters. Dr. des. David Wirmer (Köln) erörterte anhand des Gerechtigkeitsbegriffs bei Averroes (gest. 1198) ausgewählte ethische Fragestellungen der arabisch-islamischen Philosophie. Religionsübergreifende Betrachtungen kamen auf sehr unterschiedliche Weise in den Vorträgen von Prof. Dr. Mauro Zonta (Rom) zur jüdisch-arabischen Philosophietradition sowie von Prof. Dr. Rahim Acar (Istanbul) zum Vergleich der philosophischen Gotteslehre bei Avicenna und Thomas von Aquin zur Sprache. Der Beitrag von Prof. Dr. Steffen Stelzer (Kairo) widmete sich schließlich dem Brückenschlag zwischen philosophischer und mystischer Reflexion. In den beiden zur Wahl stehenden Workshops bot sich den cusanischen Teilnehmern die Möglichkeit, entweder philosophischen Argumentationsmustern der islamischen Theologie (Eva-Maria Zeis, Berlin; Thomas Würtz, Bern) oder sprachphilosophischen Überlegungen der arabischen Metapherntheorie (Nora Schmidt; Nora Kalbarczyk, beide Berlin) auf die Spur zu kommen. Obwohl einige wichtige Bereiche, wie das weite Feld der arabischen Organon-Rezeption, in der Programmgestaltung leider nicht angemessen gewürdigt werden konnten, dürften die geistig äußerst intensiven Tage verdeutlicht haben, dass ältere westliche Vorurteile gegenüber der arabisch-islamischen Philosophie keineswegs haltbar sind: Sie ist weder als uneigenständige Treuhänderin des griechischen Denkens noch als religiös bzw. gar mystisch-irrational inspirierte Denkbewegung zu begreifen, sondern stellt eine komplexe, das antike und spätantike Erbe auf originelle Weise transformierende Geistestradition dar, die auf sämtlichen Gebieten der Philosophie zu intellektuell äußerst anregenden Fragestellungen und Lösungen vorstieß. Da die systematische Erforschung der arabisch-islamischen Philosophie nach wie vor in ihren Kinderschuhen steckt, bietet sich dem interessierten Forscher die lohnende Möglichkeit, eine riesige Fülle an originellem Philosophieren und überzeitlichem Argumentieren neu zu entdecken.

Besonders positiv machten sich im Tagungsverlauf die Internationalität der Vortragenden, die hohe Qualität der Beiträge sowohl seitens der Referenten als auch der Teilnehmer, die große Anzahl engagiert teilnehmender Altcusaner sowie die Gastfreundschaft des Erbacher Hofs bemerkbar. Die Idee, die Fachschaftstagung Philosophie mehr und mehr zu einem Austauschforum von studierenden und ehemaligen Cusanern zu machen, kann ebenso als Erfolgsmodell gelten wie die konzeptionelle Ausrichtung am Humboldt’schen Ideal von Bildung durch Wissenschaft: Das hoffentlich annähernd erreichte Ziel der Fachschaftsleitung war es, auf hohem Niveau eine Fachkonferenz abzuhalten, die es den Cusanern ermöglicht, mitten ins aktuelle Forschungsgeschehen hineingeworfen zu werden. In diesem Sinne dürften im Verlauf der vier Tage Verwirrung und Klärung auf enge Weise miteinander verwoben gewesen sein.

(Letzte Änderung: 10. Dezember 2010)